Die Bedeutung von Freispiel für die kindliche Entwicklung und im Zusammenhang mit der Vorschule

Heute möchte ich über ein Thema schreiben, was mir sehr am Herzen liegt, nämlich das Freispiel in Zusammenhang mit der Vorschularbeit. Viele Eltern, deren Kinder in den Waldkindergarten gehen, machen sich Sorgen, ob ihr Kind im Wald auch richtig auf die Schule vorbereitet wird. 

Auch, wenn ErzieherInnen im Volksmund oft als BetreuerInnen bezeichnet werden, so ist ein Kindergarten immer auch ein Ort der Bildung und nicht nur ein Ort der bloßen Verwahrung der Kinder. Und auch wenn es auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, so ist doch das Freispiel ein ganz entscheidender Faktor wenn es um die Herausbildung lebens- und damit auch vorschulrelevanter Kompetenzen geht. 

Beispiel Tipi-Bau: 
Die älteren Kinder sind schon seit Januar mit dem Bau ihres Tipis beschäftigt, dabei tritt vor allem das fantasievolle Spiel und das Rollenspiel in den Vordergrund, denn nicht selten wird das Tipi von Räubern, Wölfen, Eisbären oder den Wurzelzwergen heimgesucht. Die Kinder sind zudem engagiert, jeder übernimmt Aufgaben, jeder übernimmt mal die Zuhörer- oder die Sprecherrolle und alle Beteiligten setzen sich für die Gruppenleitstungen ein. Die Kinder sind ausdauernd und konzentriert dabei und das Spiel wird immer wieder weiterentwickelt, das Tipi bekommt unterschiedliche Funktionen und wird auch ständig umgebaut. 
Wenn wir gemeinsam etwas schaffen wollen, dann kommen wir nicht drumherum, zu kommunizieren. Eine funktionierende Kommunikation ist im späteren Arbeitsleben, in der Schule und auch für die ganze Persönlichkeitsentwicklung ein unverzichtbarer Bestandteil. Beim Tipi Bau lernen die Kinder in längeren Erzähleinheiten zu sprechen, zu erklären, anzuweisen und auch zuzuhören. Sie müssen dabei ihrem Gegenüber in logischer Reihenfolge erklären können, was zu tun ist, sie fragen nach, wenn sie etwas nicht verstehen oder mit etwas nicht einverstanden sind. Alle Sinne werden hierbei benutzt. 
Beim Tipi-Bau entwickeln die Kinder eigene Ideen mit den Materialien, die sie im Wald finden und müssen ihre räumliche Vorstellungskraft anwenden. Sie lernen, flexibel mit neuen Gegebenheiten umzugehen, Probleme aktiv anzugehen und sie strengen sich an, ihr Projekt weiter zu führen auch wenn etwas mal nicht klappt. Dabei brauchen sie kein ständiges Feedback der Erwachsenen; die Leistung und der Wille, etwas zu tun, kommt von den Kindern selbst.  
Am offensichtlichsten ist natürlich der Bewegungsaspekt. Die Kinder haben Freude sich zu bewegen und wer schonmal in dem unteren Tipi war, der weiß, dass man nur mit ganzem Körpereinsatz hinein und wieder hinaus kommt. Die Kinder lernen ihre körperlichen Möglichkeiten aber auch ihre Grenzen kennen. Aber auch die Feinmotorik kommt nicht zu kurz, denn so ein Ast, der kann dünn oder dick sein, dann muss eine Kordel drumherum gefädelt werden, die Kordel muss abgeschnitten werden und auch dabei darf man natürlich nicht die Balance verlieren, wenn man gerade auf einem wackligen Baumstamm steht. Dabei zeigen die Kinder im Gegensatz zu uns Erwachsenen emotionale Offenheit, sie ärgern sich auch mal und lernen, ihrem Ärger Luft zu machen ohne dabei jemanden zu verletzen (meistens). Es gibt dann manchmal total schöne Momente, in denen die lauten Kinder sich zurücknehmen um den leisen Kindern Platz zu machen und in denen Hilfe angeboten wird, aufeinander geachtet wird und wo Freundschaften wachsen. Die Kinder lernen, auch mal die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, für jemand anderen Partei zu ergreifen oder für sich selber einzustehen.  

Wenn du es bis hierhin geschafft hast, dann weißt du jetzt, was in zehn Minuten im Waldkinderarten alles passieren kann. Dein Kind wächst jeden Tag im Freispiel über sich hinaus und das nicht nur beim Tipi bauen, sondern auch beim Sandsuppe kochen, beim Hexe-und-Zauberer-sein oder wenn wir unterwegs eine Feuerwanze ein Stück begleiten. Nichtsdestotrotz sind Impulse von den Erwachsenen natürlich auch wichtig und besonders wenn das Interesse der Kinder geweckt ist, sollte man gemeinsam ins Grübeln und Forschen kommen. Viele Kinder und Eltern stehen unter enormem Druck im Bildungssystem nicht als “Versager” hervorzugehen und es ist kein Geheimnis, dass wir in einer leistungsorientierten Gesellschaft leben. Aber der Waldkindergarten ist ein Ort der selbstbestimmten Bildung, ein Ort wo die Kinder ihren Tätigkeiten Sinn verleihen können und wo sie von uns bestmöglich auf die Schule und alles, was danach noch kommt, vorbereitet werden.  

Unter diesem Link findest du eine Zusammenfassung einer interessanten Studie zu dem Thema:  
https://bvnw.de/wp-content/uploads/2014/03/Wald-macht-schlau%E2%80%A6.pdf